Delegationsreise Estland

„Auf nach e-Estonia“ - Delegationsreise nach Tallinn (Estland) vom 13. bis 15. Mai 2019

Estland gilt in puncto Digitalisierung als Vorzeigestaat in Europa. Seine 1,3 Millionen Bürger erledigen nahezu alle Behördengänge online. Wer beispielsweise ein Unternehmen gründen will, schafft dies elektronisch in sage und schreibe 18 Minuten. Nur Heirat, Scheidung und der Kauf einer Immobilie bedürfen noch den Gang zum Amt. Kostenloses Internet ist heute ein Grundrecht in Estland, weshalb selbst abgelegene Orte über öffentliches WLAN verfügen.
Grundstein für diese Entwicklung war das im Jahr 1996 ins Leben gerufene Regierungsprogramm „Tiigrihüppe“ (Tigersprung). Unter anderem wurden sämtliche Schulen mit Computern sowie Glasfaseranschlüssen ausgerüstet und das Pflichtfach Programmieren eingeführt. Die Folgen dieser weitreichenden Entscheidung lassen sich heute in Estland bestaunen. Die Informationstechnologien sind die treibende Kraft im Land. Allein in Ülemiste City, dem estnischen Pendant zum Silicon Valley, gibt es hunderte etablierte IT-Firmen. Zudem wollen engagierte junge Unternehmer mit ihren IT-Startups an den Erfolg von Skype, das in Estland erfunden wurde, anknüpfen.
Durch die Digitalisierung steht auch die Wirtschaft in den norddeutschen Bundesländern vor massiven Veränderungen. Bestehende Geschäftsmodelle müssen zum Teil überdacht und angepasst werden, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können.
Um hierfür Impulse zu geben und sich über Voraussetzungen und Strategien erfolgreicher Digitalunternehmen zu informieren, hat die IHK Nord, der Zusammenschluss der zwölf norddeutschen Industrie- und Handelskammern, unter Federführung der IHK zu Kiel eine Delegationsreise für norddeutsche Unternehmen vom 13. bis 15. Mai 2019 nach Tallinn (Estland) organisiert.
Im Rahmen der Reise wurden verschiedene Startups, Hightech-Unternehmen und staatliche Stellen in Tallinn und Umgebung besucht. Dabei lag ein besonderer Fokus auf dem Austausch mit jungen IT-affinen Gründern vor Ort. Außerdem war es möglich, zusätzlich vom 16.-17. Mai 2019 an der Latitude59, dem größten Startup-Event im Baltikum, teilzunehmen.
Sollten Sie Interesse an weiteren Delegationsreisen der IHK Nord haben, kontaktieren Sie uns gern unter schell@ihk-nord.de oder unter 040-36138-385.

Bericht aus Estland

Vom 13. bis 15. Mai 2019 war die IHK Nord Delegation mit 25 Teilnehmern aus ganz Norddeutschland unterwegs in Estland, um die Digital- und Startup-Kultur aufzuspüren und Inspirationen zur Umsetzung eigener Strategien zu bekommen. Hier finden Sie den täglichen Bericht der Termine und Ereignisse vor Ort.

Tag 1: Anreise und gemeinsames Abendessen

Nach Ankunft und Check-in im Hotel stand ein gemeinsames Abendessen der norddeutschen Delegation mit dem stellvertretenden deutschen Botschafter Martin Langer und dem AHK-Geschäftsführer Florian Schröder im Restaurant Dominic auf dem Plan.

In seiner Tischrede beschrieb Delegationsleiter Klaus-Hinrich Vater, Präsident der IHK zu Kiel und Honorarkonsul der Republik Estland in Schleswig-Holstein, das Land in puncto Digitalisierung als Vorzeigestaat in Europa, von dem Deutschland noch einiges lernen kann.

Tag 2: e-Estonia Briefing Center, eKool, Kreativcampus Telliskivi, Guardtime, Stadtführung

E-Government-Expertise im e-Estonia Briefing Center
Das e-Estonia Briefing Center ist erster Anlaufpunkt für das Phänomen e-Government in Estland und fasst übersichtlich die Errungenschaften des Landes auf diesem Gebiet zusammen. Es liefert beeindruckende Beispiele für Digitalisierung in der Verwaltung, an denen sich andere Staaten orientieren können.
 
Tobias Koch erklärte uns, dass täglich mehrere Delegationen aus verschiedenen Ländern ins Center kommen, um sich über  e-Services zu informieren. Neben Bundeskanzlerin Angela Merkel waren bereits mehrere deutsche Ministerpräsidenten vor Ort.
 
Rückrat der estnischen e-Dienstleistungen ist die sogenannte X-Road. Das aus einer Vielzahl dezentraler Datenbanken und jeweils zugeordneten Sicherheitsservern bestehende System ermöglicht einen sicheren Austausch von Daten über das Internet und ist ein Exportschlager der estnischen IT-Industrie.
Besuch des Unternehmens eKool
eKool AS digitalisiert das Schulsystem Estlands. Eine vom Unternehmen erstellte Plattform bietet Schülern, Lehrern, Eltern und Behörden einen Überblick über Lernprozesse und vereinfacht die Kommunikation zwischen Eltern und Schule.
Rundgang über den Kreativcampus Telliskivi
In einem ehemaligen Industriekomplex befindet sich der Kreativcampus Telliskivi (dt. Ziegelstein), der zu einem schöpferischen Zentrum Tallinns geworden ist. Es ist das größte Kreativzentrum Estlands mit Ateliers, Studios, Kreativ-Unternehmen und Büros von NGOs.
Von AHK-Mitarbeiter David Hoffmann erhielt die Reisegruppe eine Führung über das Gelände.
Besuch des Unternehmens Guardtime
Guardtime unterstützt Regierungen beim Aufbau eines sicheren e-Governments. Auf Basis der Blockchain-Technologie entwickelte es ein digitales Signatursystem und ist mit seiner eigenen KSI-Plattform vor allem in den Bereichen Verteidigung, Telekommunikation, Biowissenschaften, Finanzdienstleistungen und Energie tätig. 
Risto Hansen, Leiter e-Government Solutions, erklärte uns zunächst das Prinzip der Blockchain und ging im weiteren Verlauf seiner Präsentation auf erfolgreich implementierte Lösungen bei seinen Kunden ein.
Stadtführung durch die Altstadt Estlands am Abend
Am Abend konnten die Delegationsmitglieder an einer Stadtführung teilnehmen, bei der die malerische Altstadt, die seit 1997 zum Unesco-Weltkulturerbe zählt, und der Domberg besichtigt wurden.

Tag 3: Thorgate, Tehnopol, Datel, Starship Technologies, Abschlussessen

Besuch bei Investmentunternehmen Thorgate
Thorgate investiert in Startups mit skalierbarem Geschäftsmodell. Darüber hinaus nimmt das Unternehmen Projekte in den Bereichen Industrie 4.0, Logistik und Holzwirtschaft sowie Fintech an. 
Bei der Durchführung von Aufträgen werde nicht auf die gängige Programmiersprache „JAVA“ gesetzt, sondern auf „Python“. Diese sei flexibler und ermögliche bessere Anwendungen für die Kunden, so Thorgate Business Development Manager Jürgen Jürgenson.
Besuch im Business-Science Park Tehnopol
Der Business-Science Park Tehnopol hilft technologieorientierten Startups bei der Entwicklung ihrer Geschäftsidee und unterstützt bei der Suche nach Mentoren aus Estland und Europa. Mit der Technischen Universität als Nachbar bietet der Wissenschaftspark einen großen Campusbereich. Mehr als 200 innovative Technologieunternehmen haben hier ein neues Zuhause gefunden, darunter Skype, Cybernetica, Starship Technologies, Ektaco und SMIT. Laut Kadi Villers, Tehnopol-Programmleiterin für Innovation und Unternehmertum, wird an der Etablierung eines „Unicorn-friendly Startup ecosystems“  gearbeitet.
e-Estonia-Lösungen von Datel
Datel gehört zu den ältesten und größten IT-Unternehmen Estlands. In seiner 26-jährigen Geschichte hat das Unternehmen eine Vielzahl der e-Estonia-Lösungen entwickelt. So verwundert es nicht, dass die über 100 Mitarbeiter zählende IT-Unternehmung, die seit 2013 auch in den USA vertreten ist, ein wichtiger Partner der estnischen Regierung ist. Heute bedient Datel die unterschiedlichsten Kunden aus Verwaltung und Wirtschaft.
Geschäftsführer Urmas Kölli führte den Delegationsmitgliedern unter anderem eine IT-gestützte Anwendung zur Analyse und zum Erhalt von Infrastruktur vor. Mithilfe von Satellitendaten ist es bereits heute möglich, Bewegungen von Straßen und Bauwerken Millimeter genau zu erfassen. Mittelfristig soll daraus ein Frühwarnsystem entwickelt werden.
Beim Thema IT-Fachkräftegewinnung steht Kölli vor ähnlichen Herausforderungen wie die Delegationsmitglieder aus Norddeutschland.
Lieferroboter von Starship Technologies
Starship Technologies hat einen autonom fahrenden Lieferroboter entwickelt. Dieser transportiert beispielsweise online bestellte Lebensmittel. Auch in Deutschland ist der  Lieferroboter im Einsatz. Gegründet wurde Starship Technologies von den Skype-Entwicklern Ahti Heinla und Janus Friis.
Vor dem Firmensitz des Unternehmens konnten sich die Delegationsmitgliedern selbst ein Bild von den Fähigkeiten des Lieferroboters machen.
Zum Abschluss des offiziellen Teils der Delegationsreise fand am Mittwochnachmittag noch ein gemeinsames Mittagessen mit Feedbackrunde statt.

Latitude59

Am Donnerstag besuchte noch ein Teil der Delegation die Startup-Konferenz Latitude59.
Teilnehmer aus über 100 Ländern fanden sich zusammen um Entrepreneurship
zu feiern, sich zu vernetzen und in spannenden Podiumsdiskussionen
Themen der Startup-Community zu diskutieren.
Eröffnet wurde das Event mit einer emotional beeindruckenden Rede der estnischen Staatspräsidentin Kersti Kaljulaid. Sie betonte, dass sich eGovernment Services nur durchsetzten können, wenn der Bürger proaktiv als Kunde wahrgenommen und bei der Entwicklung miteinbezogen wird. 
Anschließend schwärmte die Delegation aus,um neue Startups kennenzulernen, Pitches zu hören und sich Inspirationen in einigen der vielfältigen Vorträgen und Diskussionen zu holen.

Statements der Teilnehmer

Lydia Bahn, Geschäftsführerin, assono GmbH
Johannes Lapp, Referent Vorstandsstab & Strategische Unternehmensentwicklung, DONNER & REUSCHEL AG